Soweit nicht anders angegeben, stammen die Artikel aus der RNZ (Rhein-Neckar Zeitung)
Luciano Biondini / Javier Girotto Duo

Norbert Stein Pata Masters

Arthur Blythe / Bob Stewart Duo

Jutta Glaser Band

Bartmes :: Cosmic Grooves

Raummusik für Saxofone

Karl Berger & Friends

Zig Zag Trio

Ein Phantastisches Filmkonzert im DAI

Uli Partheils PLAYTIME

Simon Nabatov - Ernst Rejseger - Michael Vatcher

Matthias Schubert Quartett

Geoff Goodman Quintett feat. Rudi Mahall

Pago Libre

Christopher Dell D.R.A.

Trio in Treptow

Erika Stucky & "Roots of Communication"

Treya Quartett

Alice in der parallelen Welt
Der Geist des Imaginären und Surrealen: Jazzquintett "Pata Masters" beim Heidelberger Jazzclub
(am Mittwoch, 15.03.2006)
Von Rainer Köhl

Alfred Jarry, der Urvater der Dadaisten und Futuristen, der Surrealisten und der Verfechter des Absurden, Jarry war es, der eine "Pataphysik" proklamierte: eine Wissenschaft mit imaginären Lösungen. Von solcher Pataphysik blieb auch das musikalische Denken des Tenorsaxofonisten Norbert Stein nicht unbeeinflusst: Drei Formationen hat er in Anlehnung an diese Philosophie gegründet - die "Pata Masters", "Pata Horns" und das "Pata Orchester" (und dazu noch das Label "Pata Music"), um eine eigene klangliche Wissenschaft zu betreiben.
Auf Einladung des Heidelberger Jazzclubs und des Fördervereins "Zukunftsmusik" gastierte Norbert Stein mit seinen "Pata Masters" im Hörsaal der Medizinischen Psychologie der Heidelberger Universität. Reisen in alle Kontinente hat das Quintett unternommen, und von überall her haben die Musiker Einflüsse und auch Percussionsinstrumente mitgebracht. Und sie haben viel mit außereuropäischen Musikern zusammen gespielt. Mit indonesischen Gamelanmusikern ebenso wie mit dem Kaiserlichen Hoforchester von Marokko oder mit brasilianischen Musikern.
Ethnische Rhythmen und avantgardistische Harmonien sind Grundbestandteil dieser klingenden Pataphysik. Die Percussionisten sind der Motor dieser Klänge: Schlagzeuger Klaus Mages und Matthias von Welck, der afrikanische Bass-Schlitztrommeln spielte, aktivierten ein dichtes Geflecht ursprünglicher, ritueller Rhythmen, die bald in Afrika, bald in Indonesien ihren Ursprung haben. Pulsierende Repetition, die neben tranceartiger Wirkung immer auch ein hohes Energiepotential herauslösten. Die weitverzweigten, atonalen und sperrigen Themen der beiden Bläser gewannen eine reizvolle Perspektive, wenn sie auf dieser rituellen Grundlage aufbauten: Solche Vereinigung aus Ursprünglichem und Avanciertem traf sich mit dem Geist des Imaginären und Surrealen allerbestens.
Bandleader Norbert Stein wusste seinen Kompositionen immer auch den ideologischen Unterbau beizugeben, sei es mit Titeln wie "Alice in der parallelen Welt" oder "Die Tochter des Papstes". Letztere, die es nach Maßstäben der Kirche nicht geben kann, unternahm offenbar eine Reise nach Afrika, wie man in den Rhythmen ebenso hören konnte wie in den geheimnisvollen Klängen, welche die Mythen des schwarzen Kontinents aufleben ließ. Nicht zuletzt in den fließenden und flirrenden Flötenklängen von Michael Heupel, deren Charakteristik wiederum Christoph Hillmann an diversen elektronischen Geräten aufgriff und weiterführte. Als Bindeglied zwischen Rhythmus und Melodie fungierte dieser, aktivierte pulsierende Beats ebenso wie fiepende Geräusche oder virtuose Melodien.
Michael Heupel spielte neben der Querflöte auch die Bass- und die Subkontrabassflöte. Letzteres ist ein Ungetüm von ungefähr drei Metern Rohrlänge und faustdickem Durchmesser. Wuchtige Bassriffs intonierte er darauf und das klang kaum anders wie von einem Kontrabass. Norbert Stein verwob in seinem Spiel am Tenorsaxophon die sonore Energie außereuropäischer Kulturen mit avancierter Jazzinbrunst. Skurriles und Magisches, Hinter- und Tiefsinniges waren in dieser Pata-Musik fesselnd vereint. Alfred Jarry hätte daran sicher seinen Gefallen gefunden.