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Erika Stucky & "Roots of Communication"

Treya Quartett

Dies- und jenseits der Alpen
Erika Stucky und die "Roots of Communication" beim Heidelberger Jazzclub im DAI
Von Rainer Köhl

Die eine Hälfte ihres bisherigen Lebens hat Erika Stucky in San Francisco verbracht, die andere in der Idyllik der Schweiz. Eine Ambivalenz, die nicht ohne Bedeutung bleiben soll für ihre Musik. Urbanes und Ländliches bringt die Sängerin und Performerin immer wieder in gebrochene Verbindung in ihren Programmen, ganz gleich, mit welchen Bandprojekten auch immer sie musiziert. Den Auftritt beim Heidelberger Jazzclub im DAI bestritt sie mit "Roots of Communication", einem Trio mit den beiden Posaunisten und Alphornisten Robert Morgenthaler und Jean-Jaques Pedretti sowie dem Schlagzeuger Peter Horisberger. Den Alpen-Groove haben die beiden Bläser ganz gewaltig in der Puste. Einer der beiden legt dazu eine herzhaft groovende Basis am Alphorn, indem er ein sattes Bass-Riff ausdauernd federn lässt, der andere Kollege improvisiert darüber mit der größten Lust. Das geschieht auf Basis von Naturtönen und doch würzen die beiden nach mit der schönsten harmonischen Verwegenheit.
Sobald das Alphorn ruft, kommt auch die Stucky auf die Bühne. Sang, als hätte sie sich in der Geographie geirrt, erst mal so, als befände sie sich in der Mongolei. Kehlige Laute, Obertongesang, ließ danach die Möwen schreien in "I‘m swimming in the river". Die Sängerin scheint in allen ethnischen Regionen zu Hause zu sein. In Afrika ebenso wie in Samiland. Und als gute Schweizerin jodelt sie auch. Das heißt, sie jodelt nicht, sondern tut "zeuere" wie die Schweizer sagen. Die fröhliche wie die traurige Variante des "Zeuerers" oder "Juz" ließ sie dabei erschallen, letztere war schon beinahe bluesgefärbt. Gejodelt wird nicht nur in den Alpen, nein auch in Afrika, wie man hören konnte. Zu einer musikalischen Reise dies- und jenseits der Alpen lud die Sängerin mit dem Trio und da war die Südsee mit eingeschlossen. Eben von dort hatten die beiden Posaunisten ihre Muschelhörner, die sie in echohaften Verschlingungen butterweicher Exotik ertönen ließen. Und dann wieder umstiegen auf die Posaunen oder Alphörner, mitreißende grooves in engen Verzahnungen herauspfefferten, fesselnd vorangetrieben von Horisbergers Schlagzeugspiel. Bekannte Songs singt Erika Stucky gerne, um ihnen textlich hintersinnig auf den Grund zu gehen. Nancy Sinatras "These boots are made for walking" etwa. Keine kann so bitterböse Genugtuung mimisch und gesanglich triumphieren lassen wie die Stucky bei den Zeilen "One of these days these boots are walking over you". Und wenn die Sängerin mitten im Song noch in schönsten Streit gerät mit einer fiktiven Touristin, darüber, dass sie den Text nicht richtig gesungen hätte, dann gehört solches Ausbrechen aus dem Songschema mit zu der hintersinnigen Performancekunst der Schweizerin. Tief in den Süden der USA brachte sie den alten Soulklassiker "I put a spell on you": dort, wo der Voodoo blüht und wo sie zur lakonischen Begleitung einer Marching Band aus New Orleans ihren Zauber als Voodoo-Meisterin über einen heiratsunwilligen jungen Mann legte. Dazwischen schnatternd, in schwarzer Bassestiefe brabbelnd wie Satchmo, vokal growlend wie eine gedämpfte Posaune. Zum Schießen komisch.
Sie habe es satt, immer als Schweizer Heidi fröhlich jodelnd über die Bühne zu hüpfen, sagte die Sängerin am Ende, drum wolle sie lieber einmal die Domina raushängen lassen. Sprach‘s und forderte in ihrer Zugabe auf zum Stiefellecken. So wird man, wenn man zwischen San Francisco und dem Oberwallis aufwächst.