Soweit nicht anders angegeben, stammen die Artikel aus der RNZ (Rhein-Neckar Zeitung)
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Atonale Kapriolen
Matthias Schubert Quartett beim Jazzclub im DAI
Von Rainer Köhl

Zwischen Freiheit und Formbewusstsein bewegt sich das Matthias Schubert Quartett mit ganz besonderer Virtuosität. Vier begnadete Musiker, die sich einig sind darin, aus der freien Improvisation eine anspruchsvolle Kunstform zu machen. Ein spannendes Kräftespiel gegen einander anlaufender Linien und Tonsplitter, flirrender Figuren und freier Rhythmen, unabhängig voneinander, aber sehr wach aufeinander reagierend. Die Freiheit folgt dabei einem Regelwerk musikalischer Logik. Der Auftritt des Quartetts beim Heidelberger Jazzclub im DAI wurde zur hochanspruchsvollen Lehr- und Vergnügungsstunde spannender Improvisationskunst.
Skurrile, lustige Themen ließ das Quartett eingangs mit schrägem Heidenspaß einher federn. Matthias Schubert am Tenorsaxophon, Claudio Puntin an der kleinen, spitz klingenden Es-Klarinette, Carl Ludwig Hübsch an der Tuba und Tom Rainey am Schlagzeug - schon die Instrumentierung erinnert an die einer kleinen Zirkuskapelle. Allemal in dieser ersten Nummer, die schrille Kapriolen schlug, lustige melodische Harlekinaden mit aufgelösten Strukturen und Luftgeräuschen einte und gestisch beherzt zur Sache ging.
"I have a dream": die berühmte Rede von Martin Luther King (vom Band) war Grundlage für eine weitere Nummer, in welcher atonale Kontrapunkte den Ton angaben und worin Linien sich durchkreuzten, überlagerten, aneinander entlangschrammten. Unabhängig voneinander, in unterschiedlichen Metren und Rhythmen und doch entstand ein spannendes Ganzes, ein beziehungsvolles Gefüge. Aus entspanntem Gestus heraus steigerte sich das Spiel zu heftig aufflackernden Eruptionen, um dann wieder in lakonischen Trauermarsch-Tonfall einzuschwenken: expressiv, und von herzerfrischender Heiterkeit durchwirkt, so als wenn eine Marchingband in New Orleans sich auf den Weg machen würde. Gewitzte Ragtimes, nach Herzenslust dudelnd, jubelnd und voller pointierter Kalauer folgten obendrein. Atonale Kompositionen gab es daneben reichlich: Komplex rhythmisiert, aber mächtig swingend. Bei alldem ging es weniger um außermusikalische Gefühle, als viel eher um ein hochvirtuoses Spiel mit rein musikalischen Parametern: ums aufeinander Reagieren, Jonglieren und Variieren von Motiven, ums kollektive Erleben.