Raum fürs Imaginäre
Das Quartett "Pago libre" gastierte beim Jazzclub Heidelberg
Von Rainer Köhl
Wenn man aus vier verschiedenen Ländern kommt und in deren musikalischer Tradition verwurzelt ist wie die Mitglieder des Quartetts "Pago libre", dann kann man diese Wurzeln einzeln aufgreifen, man kann sich aber auch einig werden in einer "imaginären Folklore", die von überall herkommen und ins musikalische Irgendwo hinführen kann. Der Auftritt von Pago libre im großen Saal der Medizinischen Psychologie Heidelberg (einer Kooperation des Jazzclubs mit dem Förderverein Zukunftsmusik) bescherte den Jazzfreunden beides. Aus Russland, Italien, Österreich und Irland kommen die vier Musiker, die im Jazz genauso zu Hause sind wie in weltmusikalisch geprägten Improvisationsprojekten.
Selbst im fernen Moskau noch kann man vom Alpenfieber gepackt werden. Der Hornist Arkady Shilkloper, Mitglied des Moscow Art Trios, nannte eine seiner Kompositionen "Alpenblick", wozu er das Teleskop-Alphorn auseinander zog und in seinem Intro dem Naturinstrument Töne abgewann, die fast nicht möglich erschienen. Virtuos verwirbelte chromatische Linien und Mehrfachklänge gingen ihm mit einer Leichtigkeit von den Lippen, als hätte er Ventile im Instrument eingebaut. Und die Naturtöne, die im Klavierinneren als Echo nachhallten, waren schönste Grundlage für den alpinen Tanzimpuls, den diese Nummer im Quartett gewann. Shilklopers "Folksong", der sich davor rasant auf die Beine machte, war dafür mehr östlichen, moldawischen Ursprungs. Unbehandelt kam die Folklore nicht daher: die krausen Melodie-Parallelen, die der Geiger Tscho Theissig und Shilkloper am Flügelhorn hinlegten, ließ klar werden, dass das Ursprüngliche in avancierten Harmoniemodellen gut aufgehoben ist.
"A bout de souffle" (Außer Atem) heißt ein Filmklassiker von Jean-Luc Godard. Genau so nannte der Kontrabassist Daniele Patumi eine seiner Kompositionen, deren hetzende Ostinati und irreal treibende Figuren im 33/16tel-Takt eine atemlose Stimmung erzeugten. "Cinématique" ist die jüngste CD des Quartetts nicht umsonst betitelt. Imaginäre Filmmusik tönte hier in bilderreichen Klangkonstellationen, mit genügend Raum, um die Fantasie anzuregen. Der Pianist John Wolf Brennan liebt die Tangosphären. Seine Kompositionen ließen süffige Elegien mit harmonisch gespannter Grundierung im Tangoschritt einhertanzen. Ungerade Takte und rhythmisch gegeneinander verschobene Muster führt "Pago libre" gerne aufs Parkett. Ebenso selbstverständlich überlagern sich polytonale Melodien. Das ausgeklügelte Arrangement begegnet lustvoller Improvisation. So unterschiedlich wie die Nationalitäten der vier sind auch die spielerischen Ansätze und das melodische Material. Kompositorische Vielschichtigkeit gibt hier den Ton an. Überlagerungen von Harmonien, Rhythmen, Klangfarben. Melodisch Süffiges trifft auf Sperriges und Kantiges. Verkopfte Avantgarde ist es gleichfalls nicht, sondern Stoff für Filme, die im Kopf ablaufen.