Soweit nicht anders angegeben, stammen die Artikel aus der RNZ (Rhein-Neckar Zeitung)
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Klangstarke Verwandlungen
Nabatov/Reijseger/Vatcher beim Jazzclub Heidelberg
Von Rainer Köhl

Knarzende, klirrende, verwischte Geräuschklänge, im Triogeflecht hellwach ineinander verschränkt, zufällig und doch genau ausgehorcht. Lange suchen sich die Töne ihre Wege, formieren sich zu unbestimmten Klangfiguren. Im Inneren des Klaviers geschabt, den Cellosaiten und Schlagzeug verfremdend entwunden. Lange dauert diese freie Geräuscherkundung und man hat sich auf diese fremde Klangwelt schon eingestellt, als mit einem Male wie ein Wunder eine lyrische Klaviermelodie hereingeschneit kommt. Gewöhnlich auf den tasten gespielt und ganz so wie aus einer anderen Welt hereintönend. Die Geräusche saugt die Klavierlyrik nach und nach wie ein Schwamm auf, gerät in repetitive Bahnen, worüber das Cello zu improvisieren beginnt. In arabischen Modi zunächst einmal.
Vor klanglichen Überraschungen ist man nie sicher, wo diese hochkarätigen Improvisatoren auftreten: Simon Nabatov, Ernst Reijseger und Michael Vatcher gaben sich die Ehre im Hörsaal der Medizinischen Psychologie Heidelberg, bei einer Veranstaltung des Heidelberger Jazzclubs und dem Förderverein Zukunftsmusik. Nabatov, der russischstämmige Pianist ist ein klassisch ausgebildeter Virtuose, dessen fulminante Technik und unkonventionelle gestalterische Ideen ganz eigene, eigenwillige Klangräume entwickeln. Repetitive Strukturen lässt er gerne über die Tasten flimmern, kleine Irritationen stöbern die Gleichförmigkeit auf. Visionäre Märsche können sich daraus entwickeln, können aber genauso in hochromantische Akkordverdichtungen à la Rachmaninow münden.
Aus dem Lakonischen heraus in den großen, pathetisch gedonnerten Gefühlsausbruch - mit solchen Wechseln sorgte Nabatov immer wieder für Furore. Der spielerische Umgang mit dem Material, das kontinuierliche Verwandeln und Umformen, das Changieren zwischen Ernst und Ironie gibt dieser Musik ebenso viel Offenheit wie Kunstfertigkeit. Hochvirtuos verschachtelte, vexierhafte Klavierläufe, rabiat rhythmisierte Cluster wechseln schon mal mit stillen Klangstudien à la Morton Feldman, sporadisch aufleuchtenden Tönen, still glühenden Flageoletts. In spröde Minimalart kann mit gutem Recht ein ausgelassener Calypso hereindonnern. Vollends genial aber war die Interpretation des alten Standards "Lady sings the blues", lässig gewitzte Bluesphrasen voll kantiger Virtuosität und großer Expression. Grandiose Momente.