Improvision - Reihe für freie Improvisation im Jazzclub Heidelberg e.V.
Improvision - offene Bühne
Improvision - Konzert
Improvision - Workshop
Der Jazzclub Heidelberg e.V.
Der Jazzclub Heidelberg e.V. entstand im Jahr 1974 und versteht sich als "Vereinigung für improvisierte Musik". Im jahr 2000 begann im Jazzclub der systematische Aufbau der Reihe "Improvision". Sie geht zurück auf eine Idee der Pianistin Eiko Yamada. Fördert der Jazzclub Heidelberg e.V. generell verschiedene Arten improvisierter Musik im Bereich der Jazz- und Weltmusik, möchte die Reihe "Improvision" im besonderen die ganz frei Improvisierte Musik - das Stiefkind des Musiklebens - pflegen und würdigen.
Was ist freies improvisieren?
"Improvisieren" meint gemeinhin das Spiel "ohne Vorbereitung" - ex improviso. Im Abendland spielte die Improvisation immer eine Rolle, allerdings stets in der Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Musikalischen Notation und nur dann zentral, wenn neue musikalische Wege eingeschlagen wurden (Kunzler 1988). Die Fähigkeit, parallel verlaufende Bass- und Melodielinien "aus dem Stehgreif" in einer dem Spieler und Hörer bekannten Sprache harmonisch und schmückend auszugestalten, gehörte lange zur professionellen Kompetenz eines abendländischen Musikers. Anton Bruckner noch beeindruckte das Publikum durch die Improvisation mehrstimmiger Fugen (Herzfeld 1974). Improvisation in diesem Sinne hat heutzutage nur noch in der europäischen Kirchenmusik eine Bedeutung, beispielsweise in der improvisierenden Begleitung des Gemeindegesangs. Mit der Entwicklung der Musik der Schwarzen in den USA ("Jazz") wurde die kollektive und solistische Improvisation über harmonischen Gerüsten, später über Modi für die westliche Musik wiederbelebt. Im laufe des 20. Jahrhunderts führte auch die komponierte Musik in der Auflösung der Tonalität über die serielle Musik und die minimal Music konsequent zu einer Sprengung formaler Grenzen. Das grosse Interesse am Improvisieren und an der Integration neuer formaler Möglichkeiten führte zur Begegnung mit außereuropäischen Musiktraditionen, insbesondere der klassischen indischen Musik. All diese Entwicklungslinien mündeten schließlich in die Befreiung aus jeglicher bindenden harmonischen, melodischen oder rhythmischen Form zur "totalen Improvisation" (Kunzler 1988). Im Free Jazz, aber auch zahlreichen anderen musikalischen, musikpädagogischen und -therapeutischen Bewegungen, wird seither die vollständig freie Improvisation gelebt.
Nicht selten findet man die Meinung, freie Improvisation sei ein wildes durcheinanderspielen ohne notwendige instrumentale und musikalische Vorkenntnisse und Vorstellungen. Dese falsche Meinung lässt ahnen, dass das freie improvisieren ein Dilemma in sich trägt, wie es anspruchsvoller nicht sein könnte - die entstehende Musik "läuft nicht einfach so rein", sie erfordert vom Rezipienten ein erfahrenes, reflektiertes und ausdifferenziertes, möglicherweise aber auch nur ein offenes, unbefangenes Hörvermögen. "Freie" Improvisation heisst nämlich nicht, dass "willkürlich" gespielt wird, sondern dass der Spieler sich aus der engen formalen Bindung einer bestimmten Musikkultur hinausbegibt in das tiefe Bewusstsein universaler Klangwelten. Wenn Anton Bruckner und das Publikum noch in einer gemeinsamen musikalischen Sprache improvisierten und lauschten, dann trifft diese gemeinsame Sprachkenntnis auf die heutige Situation nicht mehr zu. Nicht die frei Improvisierte Musik ist ein wildes durcheinanderspielen, sondern "es" spielt wild durcheinander in einer Welt, in der jeder Mensch medial mit jeder Klangwelt konfrontiert wird. Der frei Improvisierende dagegen schafft - gleich ob er "ausschweifend" oder "reduktionistisch" spielt (Wilson 1999), Ordnungen in diesen nahezu unendlichen Klangwelten, eigene kreative Ordnungen, die dem Zuhörer grundsätzlich nicht vertraut sein können. Das alles erschwert das hören frei improvisierter Musik: man kann sich beim hören nicht dauerhaft in eine vertraute Musiktradition fallen lassen. Dell beschreibt dies mit folgenden Worten: "Die Ordnung der Dinge, so wie sie bis ins 20. jahrhundert vorherrschend war, scheint vorüber zu sein. Ordnung wird nicht mehr durch (..) Vermittlungsinstanzen (...) bestimmt, sondern verortet sich in jedem gelebten moment neu. (..) Provisorium ist der status quo an sich." (Dell 2002) bei der frei improvisierten Musik gibt es keine formale Instanz mehr, die Technik und "Richtigkeit" der so geschaffenen Musik beschreiben und tradieren könnte. Nicht nur der Spieler steht den Klangwelten des Bewusstseins autonom gegenüber, sondern auch der Hörer. Frei improvisierte Musik bedarf des mündigen Spielers und Hörers.
Improvision - offene Bühne für freie Improvisation
Die "offene Bühne" findet mit Ausnahme der Ferienzeit einmal im Monat statt. Sie ist ein Forum für frei improvisierende Musiker der Region. Die offene Bühne ist eine spontane, ungeplante Veranstaltung (nur Termin und Spielort werden geplant), deren Regeln sich im Verlauf der musikalischen Zusammenkunft ergeben. Jeder Interessierte ist als Spieler oder Hörer willkommen. Obwohl diese Veranstaltung Züge einer konzertanten Veranstaltung haben kann, soll sie doch vornehmlich eine Möglichkeit sein, Musiker zusammenzuführen, Erfahrungen zu sammeln und neue Ideen zu entwickeln. Von diesem Werkstattcharakter kann auch der interessierte Zuhörer profitieren.
Improvision - Konzert mit frei improvisierter Musik
Bei den Konzerten der Reihe "Improvision" werden erfahrene frei improvisierende Musiker eingeladen und stellen ihre Arbeit auf ihrem Instrument solistisch oder im Ensemble vor. Musikalische Begegnungen zwischen geladenen und regionalen Musikern während eines solchen Konzertes können hier ebenso stattfinden wie die Erörterung musiktheoretischer Fragestellungen. Der Verlauf dieser konzertanten Veranstaltung wird allerdings im Gegensatz zur "offenen Bühne" genau geplant. die Gegenwart freier Improvisation soll in ihrer Lebendigkeit und Meisterschaft zum Ausdruck kommen.
Improvision - Workshop für freie Improvisation
Im Jahresabstand findet im Jazzclub Heidelberg e.V. jeweils ein Workshop für freie Improvisation statt. Freie Improvisation kann man zwar nicht "lernen", wie man das Spiel im Rahmen formaler Bedingungen lernen kann (s.o.). Aber unter der Leitung eines erfahrenen Musikers kann man entscheidende Impulse für die eigene Entwicklung als frei improvisierender Musiker bekommen. Der Workshop geht über ein Wochenende und richtet sich an alle, die auf dem Wege des freien Improvisierens voranschreiten wollen. Während des Workshops werden der Öffentlichkeit die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit bei einem Workshopkonzert vorgestellt.
Literatur:
Christopher Dell (2002): Prinzip Improvisation. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König
Friedrich Herzfeld (1974): Ullstein Lexikon der Musik. Frankfurt - Berlin - Wien
Martin Kunzler (1988): Jazz-Lexikon 1. Reinbek bei Hamburg: rororo
Peter Niklas Wilson (1999): Hear and now. Gedanken zur improvisierten Musik. Hofheim: Wolke